Black Sea Dahu

Schweiz

Black Sea Dahu
EP: Orbit
VÖ: 11.11.2022
Label: Black Sea Dahu

Für eine introvertierte Person fühlt sich im Rampenlicht stehen in etwa gleichwertig an, wie unter dem brennenden, konzentrierten Strahl einer Vergrößerungslinse. Wenn dann noch die wundervolle, gegensätzliche und zermürbende Realität des Tourens hinzukommt, sind Depressionen ein nicht unwahrscheinliches Ergebnis.* Auf der neuesten EP von Black Sea Dahu, dem cineastischen Werk «Orbit», untersucht Bandleaderin und Frontfrau Janine Cathrein die Folgen dieser widrigen Umstände auf ihr eigenes Leben. Die Songs wiegen schwerer als alles, was die Gruppe bisher aufgenommen hat. Gleichzeitig erreichen sie aber auch erlösende/ekstatische Höhen, die die Band bisher noch nicht kannte. Mit anderen Worten, es ist Musik als Balsam - abgestimmt auf den vollen Dynamikbereich der Seele.

Auf dem schwebenden, klaviergetriebenen «Mind Power» spricht Cathrein die Angst direkt an. Ob es sich um latente Existenzängste handelt oder um die tiefe Verzweiflung, die durch eine Welt ausgelöst wird, die aus allen Nähten zu platzen scheint; um den Umgang mit dem Gemetzel einer Beziehung oder um das Trauma, das ein Beinahe-Ertrinken (ein Surf-Unfall) auslöst - sie spricht über ein Gefühl, das "wie ein Schraubstock ist, der sich um deine Kehle schließt". Doch wie der Rest der Songs steigert sich auch dieser zu einer ermutigenden Hymne, die in den Worten "if you knew the things that we could rise above" gipfelt. Filmmusik trifft Trommelkreis trifft Oper - was ist überhaupt ein Genre? «Orbit» hat diese Ganesha-push-through-any-obstacle-Energie, und doch handelt es von jahrelangem Umgang mit Schlaflosigkeit und schweren Angstzuständen, die durch einen wahnsinnigen Tourplan verursacht wurden. Aber es geht auch um die Kraft der Musik und wie sie es einer Musikerin ermöglicht, diese Art von Erfahrungen in etwas zu verwandeln, das nicht nur schön, sondern auch heilend ist.

«Le Temps Se Fuit» ist eine Meditation über die Natur der Zeit und das unheimliche Gefühl, an einer Million Orte gleichzeitig zu sein (kommt Ihnen das bekannt vor?). Der Song basiert auf einer Montage von Erinnerungen, die von einem glatten, beschwingten Arrangement untermalt werden, und schwillt an, während er im Takt heller wird.

«My Guitar is too Loud» rockt! Und es rockt verdammt hart! Stadionmäßig hart! Also für Folk-Musik. Der Song hat sich Janine direkt komplett offenbart, mit der "Ich scheiß auf alles"-Attitüde und allem Drum und Dran, inspiriert von einem realen Vorfall: Ein Zusammenstoß mit einem psychisch missbrauchenden Nachbarn, der Cathrein fast aus ihrer Wohnung vertrieben hätte. Es ist eine Hymne für Überlebende und die Art von Song, die dich daran erinnern wird, dein Rückgrat zu bewahren, wenn du wirklich etwas durchmachst!

Klanglich ist dies die bisher reichhaltigste Veröffentlichung von Black Sea Dahu. Janine Cathrein macht keinen Hehl aus ihren Ambitionen, für die Leinwand zu schreiben. Dieser Hunger nach vollmundigen Arrangements und der Fähigkeit, mit Farben zu spielen, kommt hier voll zum Tragen. Die schwungvollen Violinen auf «Mind Power» und «Orbit» wurden von ihr allein eingespielt (das Cello spielte ihr Bruder Simon) - 10 intensive Tage im Studio, um ein ganzes Orchester zu imitieren. Der Effekt ist verblüffend! Es ist fast beängstigend, sich vorzustellen, was passieren würde, wenn Black Sea Dahu Zugang zu einem echten Orchester hätte!

*Die meisten modernen Philosophen sind sich einig, dass Angst/Depression ein entscheidendes Merkmal unseres Zeitgeistes ist. Hinweis: Lesen Sie alles von Mark Fisher.

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